"Inside Facebook": Facebook gefällt das nicht (2024)

Facebooks Skandale sind so alltäglich geworden, dass selbst die Enthüllungen in dem Buch "Inside Facebook" kaum noch zu überraschen vermögen. Sollten sie aber.

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Ein Mann sitzt an seinem Rechner und scrollt durch die Facebook-Daten einer Frau, mit der er kürzlich ein Date hatte. Nicht durch ihr öffentliches Profil, sondern die intimen Informationen im Hintergrund: Er kann sehen, mit wem sie auf Facebook geschrieben hat, welche Interessen die Plattform ihr zuschreibt, kann sogar in Echtzeit über den Standort nachverfolgen, wo sie sich gerade aufhält. Der Mann ist ein Facebook-Mitarbeiter, und was er macht, ist nicht erlaubt. Aber es ist möglich.

Diese Szene stammt aus dem ersten Kapitel des gerade erschienenen Buches Inside Facebook der New-York-Times-Journalistinnen Sheera Frenkel und Cecilia Kang. Der Facebook-Beschäftigte sei im Zeitraum von Januar 2014 und August 2015 einer von 52 Mitarbeitern gewesen, der auf intime Informationen von Nutzerinnen und Nutzern zugegriffen habe – meist Männer, die sich die Profile von Frauen ansahen, an denen sie interessiert waren. Und bei Facebook habe es keinen Prozess gegeben, diesen Datenmissbrauch systematisch zu erfassen, wahrscheinlich seien es noch mehr als diese 52 gewesen, schreiben die Autorinnen.

Es ist so weit mit Facebook gekommen, dass der Fall irgendwie nicht mal mehr richtig überrascht. Die Nachricht reiht sich nahtlos in all die Geschichten ein, die in den vergangenen Jahren über das soziale Netzwerk geschrieben worden sind: über Desinformation auf der Plattform, über versuchte Wahlmanipulation, über Missachtung der Privatsphäre von Nutzerinnen und Nutzern, über Sicherheitslücken, über Machtmissbrauch.

Symbol für alles Schlechte im Silicon Valley

Facebook ist in den vergangenen Jahren zum Symbol geworden für alles, was schlecht läuft in Technologieunternehmen aus dem Silicon Valley: Das soziale Netzwerk, das angetreten ist, Menschen weltweit zu vernetzen, gilt heute Vielen als eines, das die Gesellschaft spaltet. Es wollte den Menschen Zugang zu Informationen verschaffen, tatsächlich verbreiten sich Desinformationen oft unwidersprochen. Und das Unternehmen hinter der Plattform wird bis heute autokratisch von hauptsächlich einer einzigen Person gelenkt: von Gründer und CEO Mark Zuckerberg (und ein bisschen von seiner De-facto-Stellvertreterin Sheryl Sandberg).

Über Facebook ist so viel berichtet worden, dass sich Inside Facebook wie eine Zusammenfassung aller großen Skandale der vergangenen Jahre liest. Der Verdienst von Frenkel und Kang ist es, die vielen Probleme von Facebook in Beziehung zueinander zu setzen und detailliert aufzudröseln, wie die Anfänge des sozialen Netzwerks zu seinem heutigen Image beigetragen haben. Das Buch gewährt einen Blick hinter die ohnehin schon brüchig wirkende Fassade von Facebook. Das Beunruhigende: Dahinter sieht es offenbar noch schlimmer aus, als man ohnehin schon erwartet hatte.

So war es Softwareentwicklern etwa möglich, Nutzerinnen und Nutzer wie eingangs beschrieben zu stalken, weil das System "transparent und für alle zugänglich" sein sollte, wie die Autorinnen schreiben. Es stammte noch aus den Anfangszeiten und war über die Jahre nicht hinterfragt worden – Zuckerberg wollte wenig Bürokratie für seine Softwareentwickler. Mitarbeitende hatten den Gründer dem Buch zufolge immer wieder auf das Problem hingewiesen, der hatte es aber lange einfach ignoriert. Erst als der renommierte Sicherheitsforscher Alex Stamos 2015 als Chief Security Officer anheuerte und Zahlen zur Größe des Problems vorlegte, änderte sich das.

Oder die Herausforderung durch Populismus auf der Plattform. Dem Management von Facebook war offenbar früh klar, was mit einer Nominierung von Donald Trump als republikanischer Präsidentschaftskandidat auf das soziale Netzwerk zukommen könnte. Spätestens aber im Dezember 2015, als er eine hetzerische Rede mit antimuslimischer Rhetorik hielt. Damals, so beschreiben es die Autorinnen, habe sich Zuckerberg Sorgen um den Beitrag gemacht und wollte prüfen, wie man ihn entfernen könnte. Doch Joel Kaplan, Vizepräsident für Public Policy, oder einfacher: Lobbyinteressen, warnte davor, dass Trump und seine Anhängerinnen das als Zensur werten könnten: "Stechen Sie nicht in ein Wespennest", wird er zitiert.

Diese frühe Entscheidung sollte sich durch den Wahlkampf genauso wie durch die Präsidentschaft Trumps ziehen: Aus Angst vor dem Anschein von Parteilichkeit (und später vor Regulierung) ließ Facebook Trump vieles durchgehen, was eigentlich gegen die Regeln verstieß – auch wenn das bedeutete, die Richtlinien immer wieder anpassen zu müssen. Dieser Zickzackkurs, der sich auch von außen beobachten ließ, endete erst mit dem Sturm auf das Kapitol im Januar 2021, als Facebook beschloss, den Präsidenten für unbestimmte Dauer zu sperren. (Sie ist kürzlich auf zwei Jahre begrenzt worden.)

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Author: Patricia Veum II

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